Der ehemalige Postschiffer Fiede Nissen

Fiede Nissen

Er ist es, der im Sommer und im Winter, bei gutem wie bei schlechtem Wetter die Postverbindung aufrechterhält. Der die Post bringt und abholt, und wenn es Not tut, auch mal ein Medikament aus der Apotheke mitbringt oder Lebensmittel. Oder vor allem im Winter auch mal einen der seltenen Gäste.

Fiede Nissen von Langeneß ist der Postschiffer der Halligen. Bei jedem Wetter, außer bei starkem Nebel oder bei mehr als Windstärke sechs, muss er morgens von Langeneß auslaufen, mit seiner "Störtebekker" zum winzigen Hafen Schlüttsiel an der Festlandküste nördlich von Bredstedt fahren, dort die seewasserfesten Postkisten aus Husum in Empfang nehmen und dann die Runde zu seinen vier Halligen machen. So steht es in seinem Vertrag, den er mit der Deutschen Post AG geschlossen hat, und der ihn berechtigt, den gelben Postwimpel in der Mastspitze seines Schiffchens zu führen. Wehe, die Post aus Husum kommt zu spät, nicht genau zur vereinbarten Stunde, dann kann Fiede Nissen arg in Bedrängnis kommen. Denn die Gezeiten lassen dem Postschiffer nur genau vier Stunden Zeit, um seine Runde zu machen. Dauert es länger, gerät die "Störtebekker" in Gefahr, bei ablaufendem Wasser auf eine Sandbank aufzulaufen oder im Schlick des Wattenmeers stecken zu bleiben. Doch ein Hintertürchen hat Fiede Nissen: Wenn die rund 25 Kilometer lange Runde nicht in der vorgesehenen Zeit zurückgelegt werden kann, dann lädt der große hagere Mann mit dem blonden Friesenbart alles, was er noch an Bord hat, auf Langeneß aus, nicht nur die Post für seine eigene Hallig. Frau oder Tochter helfen dann manchmal mit, die Post zum Auto zu schaffen, mit dem Fiede dann alles zum "Halligbahnhof" bringt.

Von Langeneß zur Nachbarhallig Oland führt nämlich ein vier Kilometer langer schmaler Schienendamm mit einem schmalen Gleis durch das Wattenmer.Und Fiede hat sich vor langer Zeit wie manche anderen Halligbewohner auf Langeneß und Oland eine kleine Lore selbst zurechtgezimmert. Von einem knatternden kleinen Benzinmotor angetrieben, rollt die Lore, die natürlich auch das Postemblem, das schwarze Posthorn auf gelbem Grund, trägt, mit der Post nach Oland. Abenteuerliche Fahrzeuge sind diese Loren, die kein Dach und keine Seitenwände haben. Natürlich kann es vorkommen, daß auf dem schmalen Gleis sich zwei Loren begegnen. Dann gilt als eiserne Verkehrsregel: Wer mehr als die Hälfte der Strecke hinter sich hat, genießt Vorfahrt. Solange die Sicht klar ist, gibt es kaum Schwierigkeiten, aber wenn Nebel nicht erkennen läßt, wer näher am Ziel ist, bleibt nur der gute Wille. Fiede auf Posttour mit der Lore

Vor Jahren schon wurde der Schienendamm von Oland nach Dagebüll, dem kleinen Hafen auf dem Festland, weitergezogen. Machen lang anhaltender Nebel, Sturm oder im Winter etwa ein zugefrorenes Wattenmeer den Posttransport mit der "Störtebekker" unmöglich, dann holt der Postschiffer, der auf diese Weise zum Postfahrer wird, die Post in Dagebüll ab und kann so wenigstens Oland und Langeneß versorgen. Der Vogelwart auf Habel, der allerdings nur im Sommer in der Einsamkeit lebt, muß dann unter Umständen Tage auf die nächste Post warten. Nicht anders sieht es für die Hallig Gröde aus. Wenn die "Störtebekker" nicht fahren kann, gibt es auch hier keine Post für die Einsamkeit. Friert das Watt im Winter dauerhaft zu, wandert mitunter jemand von Gröde hinüber nach Langeneß zu Fiede, um die Post zu Fuß abzuholen. Immerhin leben auf Gröde sechzehn Menschen, die zurzeit die kleinste politisch selbständige Gemeinde Deutschlands bilden.

"Seit dem 01.04.1977 fahre ich die Post zu den Halligen", erzählt der Postschiffer, und die "Störtebekker" ist schon mein drittes Schiff". Ursprünglich war es ein Seenotrettungsboot, und Fiede hat es selber umgebaut. In der winzigen Kajüte im Bug wird bei schlechtem Wetter die Post gestapelt, die gelben Kisten, die großen Pakete. Was ist, wenn plötzlich aufkommender Nebel die Sicht nimmt, was im Wattenmeer sehr schnell gehen kann? Für solche Fälle ist die "Störtebekker" mit einem sattelitengestützten Navigationssystem ausgestattet, das ein sicheres Heimkommen gewährleistet. Schlimmer ist es schon, wenn urplötzlich so starker Sturm die Nordsee gegen die Küste treibt, daß die "Störtebekker" in ernste Gefahr gerät. Auch das hat Fiede schon mitgemacht. Es war sein schlimmstes Erlebnis auf dem Meer als Postschiffer, dieser Sturm vor Jahren, der vorher nicht angekündigt worden war. Obschon er auf dem Weg von Gröde nach Langeneß seine Hallig schon im Blick hatte, wurde er abgetrieben, konnte nur mit Not den Hafen von Oland anlaufen und dort auf besseres Wetter warten.